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Langsam, aber schnell. Slow Fashion Day in Paris

Paris, der Tempel der Haute Couture, feiert Slow Fashion Day. Und wir sind eingeladen. Doch wie kann eine langsame Mode die schnelle überholen?


Auf dem Slow Fashion Day. Foto © Hannah Schorch, Models: @dee_diiarra mit einem Anzug von @singuliere.fr, (rechts im Bild) und @wxllye mit einem Pulli von @circularsweaterproject, gefärbt mit biologisch angebauten Pflanzen von @erie_berlin
Auf dem Slow Fashion Day. Models: @dee_diiarra mit einem Anzug von @singuliere.fr, (rechts im Bild) und @wxllye mit einem Pulli von @circularsweaterproject X @erie_berlin, gefärbt mit biologisch angebauten Pflanzen. © Hannah Schorch


Champs-Elysees links, deutet das Schild in der Ubahn, und dann verschluckt uns ein gekachelter Gang im Retro-Design. Die Metro, dieses unendliche Spinnennetz unter Paris – eine Antipode zu dem, was an der Oberfläche passiert. Der wenig appetitliche Luftzug der wegfahrenden Ubahn pustet uns an die Oberfläche, und gleich hinter dem Ausgang beginnt sie, die imaginär aufgeladene Welt der französischen Lebenskunst, Gestalt geworden in einer Prachtstraße, die in Chansons besungen wird.


Ubahn-Schild, Ausgang Champs-Elysées in Paris
In der Ubahn. Foto © Hannah Schorch

Im Alltag ist der Himmel etwas grauer als in meinen Vorstellungen, genau genommen regnet es, die Menschen unter den Regenschirmen sind in Eile, ich will sie nicht aufhalten und frage lieber Google nach dem Weg. Am Triumphbogen links, dann noch ein paar Meter, eine exquisite Lage für ein Hotel, und wunderbar Klischee: Wo sonst würde sich die Pariser Modewelt treffen, um über Slow Fashion zu tagen? Und wo sonst müsste Slow Fashion noch Thema werden, um mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein? Dass wir eingeladen wurden, zeigt, wie sehr die Branche sich nach echter Nachhaltigkeit sehnt – und wie dringend sie sie braucht.




Der Stoff, aus dem die Modeträume sind


Natürlich trifft sich hier nicht die Mitte der Gesellschaft, aber hier, im Herzen von Paris, wird, bildlich gesprochen, der Stoff gewoben, aus dem die Modeträume sind, hier werden Begierden geweckt und Trends gelegt, hier wird kreiert, was Menschen wollen sollen. Und gleichzeitig braucht die zum Teil völlig abgehobene Szene Impulse aus der Zivilgesellschaft, „von unten“. Slow Fashion ist so ein Impuls, und alleine die Tatsache, dass es einen Slow Fashion Day in prominenter Lage gibt, ist zweifellos ein Erfolg.


Doch als ich vor den Stufen des Hotels stehe, frage ich mich, was eigentlich passiert, wenn eine Anti-Mode in Mode kommt. Kann eine „langsame Mode“ die schnelle wirklich überholen – ohne dabei ihre Bedeutung zu verlieren?



Langsam ist nicht unbedingt das Gegenteil von schnell


Die Antwort wirkt kontraintuitiv: Sie kann es, weil es Slow Fashion nicht in erster Linie um Langsamkeit geht. Natürlich wurde sie als Gegenentwurf zu Fast Fashion geboren, doch auch, wenn die Begriffe von ihrer Differenz leben, sind sie keine richtigen Gegenteile. Fast Fashion bedeutet nicht so sehr schnelle Mode, als vielmehr kurzlebige. Im Konkurrenzkampf um die niedrigsten Preise ist Kleidung zum Wegwerfprodukt geworden, schon Nadel und Faden für Reparaturen zu kaufen, kann mehr kosten als ein neues Tshirt bei Modediscountern.


Slow Fashion setzt dem eine neue Qualität entgegen. „Slow fashion is not time-based but quality-based (which has some time components)”, schreibt Kate Flechter im Ecologist im Jahre 2007 und gilt vielen damit als Urheberin des Begriffs Slow Fashion. Sie entlehnt ihn der Slow Food-Bewegung, die Carlo Petrini 1986 in Italien gründete, um dem Trend zu immer billigeren, globalisierten Fast Food ein Bewusstsein für ökologische Qualität, regionale Diversität und Nachhaltigkeit entgegenzusetzen.


Auf Mode übertragen, bedeutet das: Langsam, und zwar schnell.



Slow down…


Slow Fashion bedeutet Entschleunigung, und meistens denken dabei alle an die Produktion der Kleidung. Baumwolle ohne Ausbeutung anbauen, braucht mehr Zeit und kostet mehr, gleiches gilt für die Färbung, die Näharbeiten – klar. Oft übersehen wird aber, dass Entschleunigen auch für die Konsummuster gilt.


Denn das Herz der Fast Fashion schlägt in unser aller Privatwohnungen: Ständig neue Kleidung zu kaufen und alte bedenkenlos wegzuwerfen – egal ob in den Textilmüll oder in die Altkleider – hält das bestehende System am Leben. Kleidung zu reparieren gilt nicht nur als ökonomischer Unsinn, sondern ist geradezu verpönt. Wer, der oder die es sich leisten kann, würde einen Pulli reparieren lassen? Und warum sollte eine Firma Reparaturen anbieten, wenn die Menschen doch für weit weniger Geld einen neuen Pulli bekommen?



Langsam-werden beschleunigen



@wxllye springt von einer Mauer in Paris, er trägt einen Pulli von @circularsweaterproject, handgefärbt mit pflanzlichen Farben von @erie_berlin
Ein Pulli, der nach Gebrauch repariert und weiterverkauft wird, produziert von @circularsweaterproject X @erie_berlin

An diesem Punkt kommen die Champs-Elysées, die Bilder, die Mode freisetzt und die Multiplikator:innen, die sie weitertragen, ins Spiel. Gerade diejenigen, die Konsummuster prägen, sind es, die Langsamkeit beschleunigen können: Wenn auf den Laufstegen dieser Welt, auf den Prachtstraßen und in den sozialen Medien eine Kultur des Reparierens, der Wiederverwendung und der Identifikation mit einem Kleidungsstück etabliert ist, hat die langsame Mode die schnelle überholt.


Damit dies gelingt, ohne Slow Fashion ihrer Bedeutung zu berauben, braucht es Pioniere. Vordenker:innen. Menschen, die es wagen, ein richtiges System im falschen zu errichten und sich dafür anfangs mit gerunzelter Stirn betrachten zu lassen.



Langsam, und das schnell, denke ich und trage den Koffer des Circular Sweater Projects über die Stufen ins Hotel.



Models auf den Fotos: @dee_diiarra, @wxllye

Pullis, die nach Gebrauch zurückgegeben und repariert werden: @circularsweaterproject X @erie_berlin

Alle Fotos © Hannah Schorch Der Slow Fashion Day wurde organisiert von @latte_monday



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